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08.07.2020

Kommunale Konfliktberatung

Antonie Armbruster-Petersen zum Projektende verabschiedet

Antonie Armbruster-Petersen
© privat

Der 29. Juni 2020 war für Konfliktberaterin Antonie Armbruster-Petersen vom Forum Ziviler Friedensdienst der vorerst letzte Tag in dem Projekt „Partizipative Wege zur nachhaltigen Integration“. Zeit Rückschau zu halten auf fast sechs Jahre erfolgreiche Arbeit.

Der Anfang

Erstkontakt mit dem forumZFD gab es schon 2014, also noch vor der "Geflüchtetenwelle". Ziel war es, eine externe Beratung einzubeziehen, um Fragen, die uns sehr bewegten in den Blick zu nehmen: "Wie sieht es in Ludwigslust mit Konflikten aus?" 

Bereits damals wurde die Stadt Ludwigslust schon durch die Lola für Lulu Amadeu Antonio Stiftung und die RAA - Regionalzentrum für demokratische Kultur Westmecklenburg begleitet. Durch die RAA entstand der Kontakt zum forumZFD.

Die Ausgangslage

Erste Konflikte traten 2015 zunächst in Kitas und Grundschulen auf, da es wenig bis keine Erfahrungen im Hinblick auf Migration gab. Nachdem Spannungen im öffentlichen Raum zunahmen, die Personen mit Migrationshintergrund zugeschrieben wurden, stieg auch die Polizei 2015 mit in den Beratungsprozess ein. Wir erinnern an die Nutzung des Wlan im öffentlichen Raum durch Menschen mit Migrationshintergrund. Das hatte zu Irritationen in der Stadtgesellschaft geführt. Migration war plötzlich sehr sichtbar hier in Ludwigslust. Das private Netz wurde daraufhin abgeschaltet. 

Ängste entstanden zu Fragen rund um die Gemeinschaftsunterkunft, Ängste, dass es dort irgendwann möglicherweise brennen wird. Das hat mit unserer Geschichte hier in Ludwigslust zu tun: Anfang der 90er Jahre gab es in Ludwigslust Menschenketten. 1995 - 2001 skalierten Rechte Gruppen durch Ludwigslust auch vor dem Rathaus mit Sprüchen wie: "Wir schlagen dich rote Socke tot!" Ludwigslust ist durch den Fernverkehr sehr gut angebunden, viele Rechtsgesinnte kamen nach Ludwigslust zu den Nazidemos. In dieser Zeit hat sich in Ludwigslust auch die Initiative "Jugend gegen Rechts" gebildet.

Der Umgang mit den „Fremden“ musste erst gelernt werden. In der DDR hatten wir auch "Fremde", diese aber waren kaserniert, wie z.B. die vietnamesischen Gastarbeiter.

In unserer Geschichte hatten wir viel mit Russland zu tun, aber konkret zu Menschen aus anderen Kulturen gab es kaum Berührungspunkte. Das ist DDR Geschichte. An Menschen, die uns „fremd“ sind, mussten wir uns erst gewöhnen. 

Zu Spannungen führte auch, dass die NPD in der Stadtvertretung mit einem Sitz vertreten war. 

Anregungen und Impulse zum "Selber denken" ohne erhobenen Zeigefinger

Ab 2015 war Antonie Armbruster-Petersen als Konfliktberaterin für das forumZFD in und für Ludwigslust tätig. Unterstützt wurde das Projekt durch die europäische Förderung von Asyl-, Migrations und Integrationsfonds. Ihre Aufgabe war es, den Dialog und Austausch zu befördern, Vorurteile abzubauen, Brücken zu bauen und kritische und konflikthafte Themen zu bearbeiten. 

Antonie Arbruster-Petersen schaffte es, durch konkrete Fragestellung Anregungen und Impulse zu vermitteln und wurde zum Ideenentwickler. Gerade der Blick von außen auf die Stadtgesellschaft ermöglichte eine neue Sicht, eine neue Reflektion auf den Ist-Zustand. Fragen, die sie im Beratungsprozess stellte, führten zum Beispiel dazu, die Struktur des Integrationsbeirates neu zu denken. Im Ergebnis wurde er auf drei Säulen gestellt: Migranten, Politik, Multiplikatoren. Die durchgeführte Konfliktanalyse vermittelte der Institution Polizei einen Aha-Effekt und einen Einstieg auf die Metaebene. Das hat die Perspektive und die Rolle der Polizei im Konfliktgeschehen verändert. 

Ein weiterer wichtiger Punkt war die Erweiterung der Lenkungsrunde durch die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Frau Dräger sowie Frau Gasnjan als Sprecherin des Integrationsbeirates. 

Ein Leitbild für alle

Das Forum „Ort der Vielfalt in Ludwigslust 2018" war ein Wendepunkt. Vor allem gelang es, Skeptiker in den Prozess einzubinden. Es ging um die Entwicklung eines gemeinsamen Leitbildes für die Stadt. Die Botschaft des Leitbildes ist, dass es nicht nur um eine Gruppe, sondern um alle und deren Zusammenleben in der Stadt geht. 

Veränderungen auf den Weg gebracht

Im Verlauf des Gesamtprozesses wurden Netzwerke geschaffen, Kooperationen entwickelt, und die verschiedensten Bevölkerungsschichten einbezogen. Durch das gegenseitige Kennenlernen hat ein Prozess der Normalisierung begonnen.

Eine Reihe von Veranstaltungen haben sich etabliert: das Café der kulturellen Vielfalt, Frauenabende, das Picknick im Schlosspark oder auch ein Kinderfest in der Gemeinschaftsunterkunft. Seit 2020 gibt es auch eine Willkommens-Lotsin bei der Stadt Ludwigslust. 

Rückblick auf die Zusammenarbeit

Hilfreich war der Blick von außen und die Fragen, die ohne "erhobenen Zeigefinger" gestellt wurden. Die Impulse haben uns darin unterstützt, über den Tellerrand zu schauen. Diesen Sprung hätten wir nicht alleine geschafft, wir würden weiter "in der eigenen Suppe rühren".

Die Systemische Konfliktanalyse konfrontierte uns mit eigenen Aussagen. Wir sahen Widersprüche, Aussagen, Wahrnehmungen. All das hat "gereizt" zu hinterfragen, sich selbst zu spiegeln und das Gewohnte aus anderen Blickwinkeln zu sehen.

Gerade der direkte Kontakt mit der Konfliktberaterin Antonie Armbruster-Petersen war enorm wichtig in diesem Prozess. Sie war vor Ort, sie war da, sie hat hinterfragt, angeregt und Impulse gegeben. Sylvia Wegener, Büro des Bürgermeisters